Dütsch/Kühne: Starkes Duo ohne Zukunft?

Der Anfang ist gemacht: Bei der Frühjahrslangstrecke in Leipzig hat sich der Mainzer Ruder-Verein und mit ihm das Top-Team Rhein-Main stark präsentiert. Dennoch kann niemand derzeit vorhersehen, wie es in den nächsten Wochen und Monaten weitergeht.

Starker Auftritt: Meike Dütsch (links) und Lea-Katlen Kühne siegten in Leipzig. Ob das Duo eine Zukunft hat, ist ungewiss. | MRV

 

Leipzig/Mainz. Das ist mal ein guter Einstieg: Das neugegründete Top-Team Rhein-Main am Bundesstützpunkt Frankfurt/Mainz hat zum Saisonauftakt in Leipzig die erste Leistungsüberprüfung des Deutschen Ruderverbands (DRV) mit Bravour gemeistert und sogar die Erwartungen der Trainer übertroffen. Vier von sieben möglichen Siegen holten die Ruderer bei der Frühjahrslangstrecke über die 6000-Meter-Distanz auf dem Saale-Leipzig-Kanal in die Rhein-Main-Region. Dabei gab es in Leipzig allerlei Neues zu beobachten, was einer differenzierten Betrachtung bedarf. Erst recht, weil der  Konflikt zwischen Vereinen und DRV weiter schwelt. Der Ausgang scheint völlig offen.

Lea-Katlen Kühne/Meike Dütsch
Der Frauen-Zweier ohne dominierte in Leipzig und ging nach 6000 Metern als  schnellstes Boot über die Ziellinie. Zwar kam es nicht zum Duell mit den Rostockerinnen Hacker/Labudde, die krankheitsbedingt abmelden mussten. Dennoch untermauerte die Mainz-Ulmer-Kombination Kühne/Dütsch – seit Längerem ein eingespieltes und bestens harmonierendes Duo – ihre Ambitionen und zeigte, dass dieser Zweier zu den schnellsten in Deutschland gehört. Dennoch ist die Zukunft unklar, was die verantwortlichen Trainer am Mainzer Winterhafen so nicht hinnehmen wollen.
Passiert war dies: Vier Tage vor der Langstrecke informierte der Bundestrainer Meike Dütsch per Mail, dass sie spätestens nach der Kleinboot-DM nach Ostern in Krefeld in den U-23-Bereich zurückkehren muss. „Das war und ist ein gehöriger Rucksack“, sagt Bundesstützpunkttrainer Marc Krömer, zumal Dütsch nur wenige Wochen fehlen, um ohnehin der U-23-Klasse zu entwachsen.
Für den Mainzer Landestrainer Robert Sens ist diese Entscheidung ebenfalls völlig abstrus. „Damit sind wir nicht einverstanden, das wollen wir nicht so hinnehmen“, betont er und verweist auf den „immens hohen Aufwand“, den der Mainzer Ruder-Verein und der Ulmer Klub seit Jahren betreiben, um dieses Boot zu entwickeln. Ob Kühne/Dütsch sich in dieser Saison weiter gemeinsam zeigen dürfen? Völlig offen.

Moritz Moos/Julius Peschel
Gesucht und prompt gefunden: Im ersten Jahr nach der Trennung des langjährigen Mainzer Paradebootes Moritz Moos/Jason Osborne hat der neue leichte Zweier ohne in Leipzig gleich ein Zeichen gesetzt. In einem packenden Rennen ruderten Moos/Peschel (MRV/DRC Hannover) mit einer Sekunde Vorsprung als Erste ins Ziel. „Das ist Wahnsinn nach all den Problemen, die Momo zuletzt gehabt hat“, staunt Sens. Ein schwerer Motorradunfall, zudem krankheitsbedingte Pausen und ein später Einstieg ins Training – der 23-jährige Moos hat das abgeschüttelt. „Er hatte einen ganz schweren Winter, umso erstaunlicher ist seine Leistung.“
Dass sich der Mainzer Topskuller in dieser Saison im Riemenrudern versucht, erklärt Landestrainer Sens so: „Momo und Jason mussten nach dem Olympiajahr mal raus aus dem Doppelzweier, um neue Reize zu setzen und die Köpfe freizubekommen.“ Zudem solle Moos sich weiterentwickeln und als Ruderer noch kompletter werden. Das Wichtigste jedoch ist: „Momo hat wieder Spaß, es macht ihm sogar Riesenspaß.“ Mit dem Hannoveraner Peschel scheint der ideale Partner gefunden. Die beiden kennen einander bestens, wurden bereits 2013 Vizeweltmeister. „Julius wird bis zur Kleinboot-DM bei uns in Mainz trainieren“, sagt Sens. „Der Zweier ohne ist zwar nicht olympisch, aber es gibt ja auch noch die WM“.
Ob das Boot dort fahren darf oder beide in den leichten Vierer müssen, entscheidet der DRV.

Jason Osborne
Er bleibt beim Skull und versuchte sich auf der Langstrecke im schweren Einer. Hinter Tim Ole Naske (Hamburg), Olympiasieger Tim Grohmann (Dresden) und Dauerrivale Max Röger (Brandenburg) wurde Jason Osborne in Leipzig Vierter. Sens: „Ideal für seine Entwicklung wäre, wenn er mal eine Saison im leichten Einer fahren könnte. Jason hat auch Lust darauf.“ Doch das wird schwierig, denn der leichte Einerfahrer ist der Ersatzmann für den Leichtgewichts-Doppelzweier. In dem sollen laut DRV die beiden besten Skuller sitzen – und da gehört Osborne nun mal sicher dazu. Ausgang? Offen. Oder, wie Sens sagt: „Es ist insgesamt schwierig, eine vernünftige Saisonplanung auf die Beine zu stellen.“

Das Top-Team Rhein-Main
Weitere Athleten des Teams machten auf sich aufmerksam: In Leipzig siegten Leonie Pless (Frankfurt) sowie Lucas Schäfer (Marburg) jeweils im leichten Einer. Elias Dreismickenbecker (Speyer) wurde Siebter und war damit bester U-23-Skuller. Das Mainzer U-23-Duo Paul Hotz und Janis Seidenfaden belegte den neunten Rang im Zweier. Insgesamt ein runder Auftritt des neuen Rhein-Main-Projekts.

Der Konflikt Vereine/DRV
Es dreht sich weiterhin alles um das neue Leistungssportkonzept des DRV. Elf Vereine hatten in Frankfurt die „Interessensgemeinschaft Leistungssport treibender Vereine in Deutschland“ (IGL) gegründet. Mittlerweile vertritt die IGL mehr als 60 Klubs, in Leipzig kam es zum ersten Austauch mit dem DRV. Gemeinsam mit weiteren Klubs, der Ruderverband hatte zum Gespräch eingeladen. „Es gab sehr viel Kritik am Sportkonzept, was mich in der Breite auch überrascht hat“, erklärte Robert Sens. „Insgesamt kam ein echter Dialog zustande, es wurde sehr sachlich argumentiert.“ Naturgemäß ohne konkrete Ergebnisse.
Bei den Deutschen Meisterschaften in Krefeld könnte es ein weiteres Treffen geben, zumindest will die IGL den Druck hochhalten und ihre Argumente gegen das neue Konzept und vor allem gegen die stark kritisierte Zentralisierung auf drei Stützpunkte weiter angehen. „Offen und fair“ nennt Sens die Diskussionskultur innerhalb der IGL und fügt an, dass alles im Fluss sei. Mit ungewissem Ausgang freilich. Man könnte das auch Findungsphase nennen. Eine völlig offene Phase, in der Vereine und Verband wieder zueinander finden müssen.

Randnotizen
In Leipzig fehlten einige Aktive des Mainzer Ruder-Vereins, die normalerweise fest zum MRV-Team gehören. Grund waren diverse Brüche.
So kämpft sich U-23-Weltmeister Philipp Grebner nach dem Bruch beider Kniescheiben nach und nach zurück. „Die DM kommt aber noch zu früh“, erklärt Robert Sens.
Julian Schneider hat sich beim Skifahren die Hand gebrochen, fällt ebenso weiter aus wie Luisa Werner, die sich ebenfalls beim Skifahren die Schulter gebrochen hatte. Christoph Thiem geht es da deutlich besser, er fehlt dennoch im MRV-Team. Sens: „Er hat seine Leistungssportkarriere beendet. Fit ist er aber immer noch.“
Stolz ist der Mainzer Ruder-Verein auf die Studenten Karolina Farr, Claas Mertens und Achim Harzheim: Sie haben beim legendären Boatrace in London in den Rennen der Reserve Crews vor einer riesigen Zuschauerkulisse für Aufsehen gesorgt.
Karolina Farr siegte bei den Frauen mit Cambridge, Claas Mertens und Achim Harzheim sicherten sich den Erfolg mit Oxford.

Rainer Stauber, 04.04.2017 Sport aus Mainz