Fachtagung der IGL in Mainz mit hochkarätiger Besetzung

Am vergangenen Wochenende (27. Januar) führte die Interessengemeinschaft Leistungssport treibender Rudervereine ihre erste Fachtagung durch. Im Bootshaus des Mainzer Ruder-Vereins ging es nach der Begrüssung durch den IGL-Vorstand und MRV-Vorsitzenden Martin Steffes-Mies gleich im ersten Programmpunkt ins Zentrum der sportpolitischen Diskussion. Als Gastredner sorgte Prof. Lutz Thieme für die Eröffnung ungewohnter Blickwinkel auf die derzeit sich vollziehenden Veränderungen in den Strukturen des deutschen Spitzensports. Der Sportwissenschaftler – selbst auch Vorsitzender eines 10.000 Mitglieder starken Sportvereins – betonte besonders die Notwendigkeit, jede Sportart individuell nach den Notwendigkeiten von Veränderung zu evaluieren. Seine Empfehlung im Sinne von Lösungsstrategien ist generell die Wahrnehmung von Mitgliedschaftsrechten.

Besonders interessant für die Teilnehmer war ein Blick auf die Sichtweise des Aktiven. Der dreifache Olympiateilnehmer Jonathan Koch (Frankfurt) – heute für die Athletenvertretung im DOSB aktiv – referierte über die Auswirkungen von administrativen Entscheidungen und Veränderungen auf den Sportler und verband dabei anschaulich wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischen Beispielen. Ebenfalls aus der Praxis berichtete Martin Sauer (Berlin), der seit zehn Jahren im RLZ Dortmund trainiert und als Steuermann des Deutschlandachters wichtige Einblicke in die Dynamik von Gruppenprozessen am Beispiel der leistungs- und zahlenstarken Dortmunder Trainingsgruppe der Männer Riemen aufzeigen konnte. Im Laufe der angeregten Diskussionen machten die IGL-Vertreter gerade ihm gegenüber deutlich, dass sie überhaupt nicht das erfolgreiche und beispielgebende Konzept des Stützpunktes Dortmund infrage stellen. Der Traum vieler Athleten, hier rudern zu dürfen, sei extremer Kontrast zum Zwang, an die beiden anderen Leitstützpunkte umsiedeln zu müssen.

Bei den IGL-Fachbeiträgen forderte Gerhart Marchand, RTHC Bayer Leverkusen, eine höhere Flexibilität vom DRV im Umgang mit seinen Athleten sowie eine Öffnung des Standortwettbewerbs ein, um die Qualität in der Spitze zu stärken und dem Trend entgegenzuwirken, dass viele Sportler auf dem Weg nach oben verloren gehen.

Martin Steffes-Mies warb für die Förderung von Vereinsarbeit durch best practice-Analysen, durch regelmäßige Bundestrainer-Unterstützung vor Ort und durch finanzielle Solidarität bei nicht-olympischen Starts. Sein Credo: Vereine als Rückgrat des Ruderns in Deutschland einbinden durch qualifizierte Mitsprache in Verbandsgremien sowie im Verband eine Kultur der Transparenz und des Miteinander etablieren.

Heiko Köpke, Berliner Ruderclub, vertrat eine nachhaltige Entwicklung des Stützpunktsystems. Nach transparenten Kriterien sollen die besten Standorte mit den überzeugendsten Angeboten für die Sportler ausgewählt und weiterentwickelt werden.

Lothar Trawiel, Hallescher RV Böllberg, führte seine Sorge darüber aus, dass die geplante Konzentration von elf Bundestrainern an drei Bundesstützpunkten dem DRV Leistungssport die fachliche Führungskompetenz in der Fläche einschränke. Es sei darüber hinaus kritisch zu betrachten, ob ein Wettbewerb zwischen diesen Bundestrainern und anderen engagierten Trainern überhaupt noch stattfinde.

Anhand eines Finanzmodells zeigte Stephan Bub, Vorsitzender der Frankfurter Rudergesellschaft Germania, die gegenseitigen Abhängigkeiten in der Finanzierung und die relative Gewichtung der Beiträge der Athleten, Regionen und des DRV auf. Eindrucksvoll war die Darstellung der Bedeutung des Risikos des Athleten von zukünftigen Einkommenseinbußen (Opportunitätskosten). Gleichermaßen wurde deutlich, wie essentiell ein ganzheitliches Finanzierungskonzept für das Rudern in Deutschland ist.

Torsten Gorski sprach für den Länderrat, der als Kernforderung die Aufwertung des Bereichs Leistungssport in der DRV-Führung dadurch vertritt, dass erneut eine eigene Vorstandsposition mit dieser Aufgabe betraut werden muss. Sehr ähnlich argumentierte Stefan Grünewald-Fischer in seinem Gastbeitrag.

Mit besonderer Spannung erwartet wurde der Vortrag des neuen Leitenden Bundestrainers, Ralf Holtmeyer. Er nahm das Auditorium zunächst zu einer packenden Reise durch die Facetten des Leistungssports in Deutschland mit, berichtete dabei ebenso von seinen Erfahrungen im Schüler- und Jugendrudern wie vom olympischen Bereich. Seine Rede gipfelte im Appell, mit allen Beteiligten in der Entwicklung des deutschen Hochleistungsruderns an einem Strang zu ziehen. Freiheit und Verantwortung seien die Grundprinzipien seiner neuen Aufgabe. Dabei betonte er deutlich: „Wir müssen die Negativkommunikation beenden. Das zieht uns runter. Und miteinander, nicht übereinander reden.“

Mit diesem Statement schloss Moderator Arno Boes die Veranstaltung.
Schon im Verlauf der Diskussionsrunden war erkennbar, dass Referenten und Teilnehmer viele Aspekte des Leistungssports Rudern beleuchtet hatten und auch neue Sichtweisen vermittelt werden konnte. Sowohl die Qualität der Diskussionen wie auch die Form der gesamten Veranstaltung ließen die Gäste aus Mainz mit einem zufriedenen Gefühl wieder abreisen.